Posted on Okt 23, 2019 in Aktuell, Pressemitteilungen

Offener Brief zu dem Störfall Ethylacrylat am 17.10.19 auf der Chemieplattform Carling

Erneut ist es auf der Chemieplattform im französischen Carling-St. Avold zu einem Störfall gekommen, der massive geruchsbelästigende Auswirkungen ins grenznahe Saarland hatte.

Aus diesem Grund hat der Verein „Saubere Luft“ einen offenen Brief verfasst, der allen betroffenen und verantwortlichen Amtsträgern zugestellt wird. Neben dem Störfall selbst geht es um grundsätzliche Problematiken, auf die wir als Verein bereits seit Jahren aufmerksam machen, ohne wirkliche Veränderungen feststellen zu können.

Störfall am 17.10.19 bei Arkema (Chemieplattform Carling)

Bei diesem Störfall liefen ca. 1000 Liter Ethylacrylat aus und verflüchtigten sich. Ursache: Leckage durch Wartungsarbeiten.

Dabei kam es zu massiven ekelerregenden stechenden  grenzüberschreitenden Geruchsbelästigungen und bei einigen Bürgern zu gesundheitlichen Auswirkungen. Die Ausdehnung  der Geruchsbelästigung  zeigte sich von Carling über Lauterbach bis hin nach Bous. Lt. Presseberichte sogar bis Saarwellingen.

ZUSAMMENFASSUNG UND FORDERUNG:

Eine Störfallmeldung der verursachenden Firma Arkema an saarländische Behörden/Rettungsleitstellen /Presse blieb über Stunden aus.

Bürger auf beiden Seiten der Grenze wandten sich besorgt an das Notfalltelefon der Chemieplattform Carling  sowie an saarländische Behörden. Es gab für sie weder Erklärungen, noch Verhaltensregeln. Bei unserem Verein gingen ab ca. 12.30 h die ersten Anfragen ein wegen einer seit ca. 11.30 h bestehenden massiven chemischen Geruchsbelästigung in Lauterbach. Wir haben die Kontaktadressen der Behörden herausgegeben, da auch wir nicht informiert wurden und die Situation nicht einschätzen konnten.

Betroffene Bürger klagten über Übelkeit, Brechreiz und Kopfschmerzen und man könnte sich selbst in den Häusern nicht mehr aufhalten. Geruch würde überall rein ziehen. Es bestand große Angst und Sorge.

Erst der Notruf des Kindergartens Lauterbach schließlich führte zur Auslösung eines Alarms und zum Einsatz von unterschiedlichen Rettungskräften auf saarländischer Seite.

Die Feuerwehr Völklingen rückte laut Protokoll um 13.26 Uhr aus, somit also fast 2 Stunden nach Auftauchen des chemischen Geruches. Der Wehrführer musste sich mühsam durch eigenes Fahren nach Frankreich zu der Fa. Arkema Informationen besorgen, um welchen Schadstoff es sich handelt. https://www.feuerwehr-voelklingen.de/einsaetze/19-10-geruchsbelastigung-in-ortsbereich-von-lauterbach/

 

Wir hinterfragen aufgrund dieser Vorgehensweise seitens des Verursachers:-

  • Inwiefern waren die saarländischen Behörden und Rettungskräfte vorbereitet auf einen solchen Störfall?
  • Waren die Einsatzkräfte überhaupt für einen solchen Chemieunfall ausgestattet? Und sind sie es generell für alle möglichen Unfallszenarien einer als Seveso klassifizierten Chemieplattform?
  • Welche Messungen hinsichtlich Methode, Nachweisgrenze wurden vor Ort durchgeführt? Welche Konzentrationen wurden zu welchem Zeitpunkt gemessen?

Die ersten Entwarnungen von Seiten der saarländischen Behörden kamen unserer Meinung dafür dann aber viel zu früh und vor dem Hintergrund der Toxizitätseinstufung des Kontaktgiftes Ethylacrylat völlig ungerechtfertigt. Zumal man sich zunächst nur auf die stationären Messstationen berief, die diesen Schadstoff überhaupt nicht erfassen.

Das Sicherheitsdatenblatt zu Ethylacrylat weist u.a. folgendes aus: https://syskem.de/syskem_datenblaetter/sdb_502010.pdf

  • akute Toxizität Kategorie 3 od. 4
  • giftig beim einatmen
  • betroffene Unfallopfer dürfen nicht von Mund zu Mund beatmet werden.
  • Vergiftungserscheinungen können auch erst Stunden später auftreten

Dieser Vorfall macht deutlich (auch vor dem Hintergrund, dass dort mehrere Anlagen der Seveso -Gefahrenklasse 3 betrieben werden), dass

  • immer noch nicht ausreichend bekannt ist, welches Gefahrenpotential tatsächlich für das Umfeld der Chemieplattform Carling vorhanden ist
  • es kein gemeinsames wirksames Kommunikations- und Strategiekonzept zwischen der saarländischen und französischen Seite gibt, obwohl uns dies immer wieder bestätigt wird
  • die erforderliche Sensibilisierung entsprechender Behördenmitarbeiter schnell und umfassend zu reagieren sehr zu wünschen übriglässt
  • ein übergreifender Notfall- und Rettungsplan mit direkter Notfallnummer für die Bürger fehlt
  • die Rettungskräfte besser ausgestattet und wesentlich schneller informiert werden müssen
  • politischer Handlungsbedarf dringend geboten ist

Als sofortige Maßnahmen fordern wir:

  • einen BürgerInformationsflyer mit Verhaltensregeln und Notrufnummern in JEDEN Haushalt im Warndt ( Lauterbach, Ludweiler, Gemeinden Überherrn, Wadgassen, Großrosseln ), idealerweise auch darüber hinausgehend
  • eine Online Hotline zur Meldung von Geruchsbelästigungen
  • eine kontinuierliche Messung von Ethylacrylat sowie allen Schadstoffen, die im Rahmen der Acrylatherstellung der Fa. Arkema an verschiedenen Ort im Warndt
  • das Einschalten von europäischen Gremien, um diesen nicht gemeldeten Störfall gemäß der europäischen Störfallrichtlinie sowie Seveso-Richtlinie zu prüfen
  • eine Überprüfung der grenzüberschreitenden Notfallpläne und Rettungskette seitens der saarländischen Landesregierung und des saarländischen Umweltministeriums
  • eine Einschätzung von Gesundheitsamt und Umweltmediziner hinsichtlich der bestandenen Gesundheitsgefährdung

Wir fordern das saarländische Umweltministerium sowie die saarländische Landesregierung auf, endlich konkrete Maßnahmen auch gegen den weiteren Ausbau der Chemieplattform zu ergreifen!

 

Der Vorstand des Vereins „Saubere Luft für die Warndtgemeinden e.V.“

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